Ich habe Angst davor glücklich zu sein

Ich sitze im Zug und will eigentlich nur meine 300 Mails durcharbeiten, wovon 298 unbrauchbare Newsletter sind, für dessen Abmeldung ich immer und immer wieder zu faul bin.

Fast am Ende angekommen, öffne ich noch eine Anfrage von Quora und als ich dann fertig bin, sehe ich mir noch ein paar Fragen an, dessen Antworten mich auch interessieren, als plötzlich

How did you know that you were bipolar?

auf meinem Bildschirm erscheint. Die Rückmeldungen auf dieses Thema bringen mich dazu mein ganzes Leben erneut in Frage zu stellen.

Wer es nicht weiß, mit 18 Jahren musste ich meine erste Lebenskrise bewältigen und fing an mich zunehmend zu verlieren. Ich entschied mich für die Notbremse. Heute frage ich mich, hab ich sie zu spät gezogen?

30 Tage. Darauf folgten 30 Tage in einem Krankenhaus. Nervenheilanstalt. Mit 18 Jahren war ich kein Kind mehr und wurde dem Erwachsenenabteil zugewiesen. Mehr als drei Wochen habe ich dort verbracht und dennoch, dennoch kann ich mich an kaum etwas erinnern. Es fühlt sich an wie ein Film, von dem ich nur noch Bruchstücke weiß. Verdrängen nennt sich das glaube ich. Meine Therapie las sich wie ein Stundenplan: Massagen, Gespräche, Werken, heiße Bäder, Völkerball und Zigaretten rauchen. Ich kann den Gestank der Zigaretten auf dem Patientenbalkon noch riechen, ironischerweise, da ich sonst nicht mehr sehr viel über meinen Aufenthalt erzählen kann.

Ich weiß nicht wie lange, aber ich durfte die erste Zeit, die ersten ein oder zwei Wochen das Gebäude nicht verlassen, denn ich war ja suizidgefährdet. Suizid. Bedeutet Selbstmord und obwohl ich lange nicht soweit war mich selbst umzubringen, waren diese Gedanken stets bei mir. Stündlich habe ich mich gefragt was ich dort zu suchen hab‘, ob ich mir das alles einrede, wie ernst darf ich meine Grübeleien nehmen? Die blauen Flecken auf meinem Oberkörper haben mich zum Glück nicht vergessen lassen: „Was auch immer nicht stimmt, irgendetwas läuft auf jeden Fall in eine falsche Richtung.“

Die Tage davor und danach waren geprägt von extremen Stimmungsschwankungen, von trübselig zu boshaft, von boshaft zu lebenslustig. Zum Teil ein stündlicher Wechsel. Eine Kontrolle über meine Emotionen fehlte mir. Natürlich wusste ich das damals nicht, ich meine, es war mir nicht bewusst, ansonsten wäre es mir bestimmt anders ergangen, als es der Fall war. Wenn ich traurig war, dann gab es für dieses Fass keinen Boden, meine Traurigkeit war so sehr zu spüren, dass mein Körper schmerzte. War ich mal grantig, dann richtete sich mein Zorn gegen alles und viele unverarbeitete Erinnerungen kamen hoch. Dabei wurde ich sehr aggressiv und hab das mit aller Kraft an anderen und mir ausgelassen. War ich glücklich, ja dann konnte ich damit, sowie mit allen anderen Emotionen, jeden mitreissen, inspirieren, ich war wie das letzte Einhorn auf MDMA. Nur ohne MDMA. Damals schwankte ich sehr schnell zwischen diesen Emotionen. Ich mag nur vermuten, dass es zu dieser Zeit auch an den instabilen Beziehungen zu den Menschen in meinem Umkreis lag.

Ich war risikofreudig, habe keine Konsequenzen bedacht. Heute bereue ich keine dieser Entscheidungungen, aber leichter habe ich es mir damit bestimmt nicht gemacht. Auswandern, Job kündigen, Wohnung kündigen, Freundschaften kündigen, Projekte starten, Projekte beenden. Was man normalerweise ein bisschen plant und durchdacht angeht habe ich binnen Sekunden entschieden.

Bis zum letzten Tag in dieser Anstalt wusste ich um ehrlich zu sein überhaupt nicht was ich dort jetzt mache, ob ich krank oder gesund bin, habe ich Depression, ein Burnout, etwas anderes, das ich nicht kenne?

Was ist nur los mit mir und wieso erzählt mir eigentlich keiner was genau ich nun zu erwarten habe

Entlassen wurde ich schließlich mit einer Diagnose, die mich nicht nur überraschte, sondern auch neu für mich war:

Persönlichkeitsstörung des impulsive Types.

Damals war ich 18 und habe aufgrund meines Krankenhausaufenthalts die Schule kurz vor den schriftlichen Maturaprüfungen verlassen. Heute bin ich 24 und seither hat sich einiges verändert und verbessert.

Die Frage auf Quora kommt irgendwie genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte vor ein paar Wochen, genau genommen im November, wieder mit mir selbst zu kämpfen. Denn manchmal wache ich auf und kann nicht aufstehen. Ich komme zu mir und es fühlt sich an, als wäre ich die Nacht davor von einem Hochhaus gesprungen. In den meisten Fällen gelingen mir dann alltägliche Dinge nur sehr schwer. Frühstück machen, das Bett in Ordnung bringen, Zähne putzen, duschen, arbeiten, trainieren, all das und mehr, es wird zur Herausforderung. Bis ich merke, dass etwas nicht stimmt vergehen mittlerweile nur noch zwei bis drei Tage. Meine Alarmglocken läuten. In dieser Periode fällt mir das Einschlafen sehr schwer und Gedanken kann ich nur schlecht festhalten und beobachten. Ich meditiere, ich höre auf zu arbeiten, mein Handy dient nur noch zur Unterhaltung, ich tanze, ich singe, ich zeichne, ich schreibe, ich gehe spazieren, ich verbringe Zeit mit Menschen, ich verbringe Zeit alleine. Doch es wird nicht besser. Es scheint fast so, als würde es sogar noch schlimmer werden, je mehr ich mich bemühe, dass es mir besser geht.

Bis schließlich, das von mir meistgefürchteste Gefühl sich wieder ausbreitet. Suizidgedanken. Zuerst nur ganz leise, dann wird es immer lauter. So laut, dass ich mich innerlich selbst schreien höre, dieses Gefühl und dieser Gedanke sollen einfach aufhören.

In diesen Momenten kontaktiere ich eine mir nahestehende Person. Nicht um eine Therapie zu ersetzen, nicht um meine Lasten auf jemand anders zu übertragen, sondern einfach nur um andere Gedanken als meine zu hören. Einfach nur, um einen kleinen Anker zu haben.

Doch dann gibt es diese anderen Tage und Perioden. Zeiträume in denen ich 2 oder 3 oder 4 Stunden schlafe und ausgeschlafen ohne Wecker aufstehe. Dann trainiere ich viel, arbeite viel, habe Ideen, bin kreativ und es fühlt sich an, als würde kontinuierlich eine ungeheuer große Energie durch meinen Körper strömen.

Jene Diagnose, die ich damals im Krankenhaus erhalten habe, ignorierte ich  die ersten Jahre. Ich hab’s auf mein bosnisches Temperament und mein junges Alter geschoben. Natürlich, hat das bestimmt auch eine Rolle gespielt, aber irgendwas stimmte trotzdem nicht mit mir.

Um diesem Tief eine gewisse Balance zu bieten, habe ich damals im Krankenhaus schon gelernt meine guten Tage nicht zu sehr auf mich wirken zu lassen. Je extremer das Gefühlshoch, desto mächtiger das Gefühlstief. Viele gute Momente habe ich dadurch unterdrückt. So oft, dass ich mittlerweile Angst davor habe glücklich zu sein. Nehme ich eine wärmende und pulsierende Stimmung wahr, dann versuche ich mir selbst mit einem kühlen „Mir geht’s aber gut“ die Erlaubnis zu geben, diese Empfindung zu akzeptieren, aber nicht zu nah an mich ranzulassen.

Im Februar 2018 habe ich eine negative Phase, sowie diese im November, das erste Mal aktiv bemerkt und beobachtet und obwohl ich davor vermutlich mehrere davon hatte, war es die Jahre zuvor nicht sehr einfach auf meine Körpersignale zu hören und zu agieren. Denn Alkohol und Sport haben mir die Sicht darauf genommen. Drei Jahre nach dem Krankenhaus ließ ich mein Leben vorbeiziehen, ohne persönlich an mir selbst oder meinem Wohlbefinden etwas zu ändern.

Wie bereits erwähnt war Februar 2018, dann das erste mal, dass ich überlegt habe was der Auslöser für meine Gedanken, für mein Empfinden und für meine Einstellung sein könnte. Ich fand nichts und habe eine Therapie in Betracht gezogen. Also leitete ich alles in die Wege, um mir meinen Therapeuten zu suchen. Damals war ich bereits in Wien und ich arbeitete nebenbei für einen zukünftigen Kunden.

Da war diese Nacht, ich arbeitete bis 04:00 morgens in einer Bar mit meinem Laptop und danach fuhr ich nach Hause. Dort angekommen brach alles auf mich ein. Die Stimmung, welche ich bereits zwei Wochen mit mir schleppte, verdreifachte sich in diesem Moment. Angefühlt hat es sich zumindest so.

Ich packte meine Sachen und auch, wenn ich am liebsten wieder nach Thailand geflogen wäre, ohne jegliche Konsequenzen zu bedenken, war ich weit genug, um für ein Wochenende alleine nach Bratislava zu fahren. Es half. Gott sei Dank.

Mein ungewöhnlich hohes Energielevel der anderen Phase wurde mir erst dann bewusst, als ich darüber nachdachte wie oft mir Freunde und Familie in den letzten Jahren die Frage “ Wo nimmst du all diese Energie her?“ stellten. Um ehrlich zu sein, ich wusste es nicht.

Dezember 2018:

Obwohl es mir jetzt besser geht, sehr gut sogar, habe ich mich nun für eine Therapie entschieden. Denn ich kann schließlich nie wissen, wann es mir wieder schlecht geht und will mich auch nicht mehr hilflos as fuck fühlen. Damals im Februar habe ich diesen Gedanken sehr schnell wieder aus den Augen verloren, alsbald es mir besser ging. Ich schreibe das hier, um zu zeigen, jeder hat seine Dämonen, jeder hat sein Gepäck und gerade die mentale Gesundheit, etwas das unser Überleben entscheidet, wird tabuisiert. Keiner redet darüber, obwohl es ja ganz viele betrifft und es das Leben ein bisschen einfacher machen kann, wenn jeder weiß womit das Gegenüber zu kämpfen hat.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast und bis bald,

Alissa S.

Wenn du professionelle Hilfe brauchst dann kann ich dir folgende Wege empfehlen:

  • Geh zu deinem Hausarzt und schildere was du fühlst
  • Im Notfall ruf die Rettung
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