Warum ich mir den Knöchel nochmal brechen würde

Am ersten Tag nach meinem Knöchelbruch musste ich zur Apotheke. Zur Straßenbahnhaltestelle gehe ich meistens um die 98 Sekunden. An diesem Tag hat’s 43 Minuten und drei Pausen benötigt. Ich hatte solche Schmerzen, doch  trotz meiner Tränen bin ich weitergelaufen, denn ich musste ja zur Apotheke. Mein erster Knöchelbruch und irgendwie wusste ich nicht, ob es schlimmer oder einfacher ist, als ich es mir vorgestellt habe.

Tief Einatmen. Tief Ausatmen. „Du schaffst das. Du wirst dich erholen. Du wirst stärker zurückkommen.“ Meine Worte, an mich.

Das Schlimmste war weder der pulsierende Schmerz, noch, dass mein Bein dreimal schwerer war als sonst, aber auch nicht die Blasen an den Händen, welche sich so nach dem zweiten Schritt mit den Krücken bereits bemerkbar machten.

Es war die Ungewissheit, ob ich vielleicht doch noch operiert werden muss, mein Knöchel sich erholt, ich Folgeschäden zu erwarten habe oder ich bald wieder auf zwei Beinen stehen kann. Es war die Ungeduld. Schließlich war es ja mein erster Knöchelbruch und ich hatte keine Erfahrungswerte.

Ich fühlte mich so einsam wie schon lange  nicht mehr und das obwohl ich zu dieser Zeit mehr Menschen um mich hatte als sonst. Ich würde mir alleine kein Essen machen, ein Glas Wasser holen oder Einkäufe machen können. Was für ein Scheiss.

Dazu kommt, dass ich die letzten vier Jahre von niemandem mehr abhängig war, weder meinen Eltern, meinem Freund, noch Freunden. Ich genoß die Zeit alleine, wie sonst nichts anderes, aber da ich nun die einfachsten Dinge kaum oder garnicht mehr alleine bewältigen konnte, war ich gezwungen Hilfe von anderen anzunehmen und das brachte mich in eine sehr unangenehme Lage. Fluchtpunkt? Gab es keinen. Ich musste mir richtig in den Arsch beißen. So langsam wurde mir bewusst, was für Auswirkungen ein Knöchelbruch wirklich hat.

Die ersten zwei Wochen waren dabei sehr prägend. Monatelang habe ich (vor dem Knöchelbruch) ohne Pause gearbeitet, war ständig unterwegs und konnte mir eine Ruhepause nur in den seltensten Fällen erlauben. Nämlich dann, wenn es meistens schon zu spät war und ich keine Kraft mehr hatte. Es waren die Tage, an denen ich wie paralysiert im Bett lag, ohne eine Ahnung was mit mir geschieht und keine Idee wohin mit mir.  Meine Flucht war meistens die zum Sport, denn ich konnte mir hier jedes Mal wieder selbst beweisen: Es gibt keine Grenzen, alles ist möglich. Manchmal braucht’s einfach ein paar Versuche.

Mit dem Knöchelbruch änderte sich all das ziemlich schnell. Durch die starken Schmerzen war ich die ersten vierzehn Tage an Schmerzmittel gebunden. Dass diese auch Nebenwirkungen haben, muss ich wohl nicht erwähnen. Ich war müde, so so müde. Das kannte ich so von mir nicht. Normalerweise bin ich an einem Tag 14 Stunden unterwegs und trainiere täglich auch noch 60 bis 90 Minuten, doch derart ausgelaugt war ich selbst dann nicht.

In diesen ersten zwei Wochen wurde mir bewusst, wieviel Energie die Knochenheilung benötigt und in welchem Maße mich diese Schmerzmittel lähmten. Es war ein immenser psychischer Stress, welcher sich aufbaute und ich hatte Angst diesem nicht Stand halten zu können.

Ich hatte einen Kunden, der nach seinem Projekt fragte, ich war Veranstalterin eines bereits bekannt gegebenen Events, welches eine Schnittstelle der österreichischen Digital – und Kreativwirtschaft darstellen sollte, eine weitere Kundin, die auf einen Briefingstermin wartete und ich musste so einige unangenehme Gespräche mit meiner Unternehmensberaterin führen.

Drei Tage nach dem Knöchelbruch war alles geklärt und mein Handy, als auch mein Notebook waren auf stumm. Ich musste mich erstmal an diese neue Situation gewöhnen. Abhängig von den Menschen um mich rum, kein Sport, keine Natur, keine Cafes, keine Arbeit, kein hektisches Planen und Durchführen, nur ich und ich.

Natürlich habe ich auch sehr viel geschlafen, da ich, wie bereits erwähnt, sehr müde war, doch Tag für Tag begann ich mehr darüber nachzudenken was die letzten zwölf Monate passiert ist, wen ich kennengelernt und von wem ich mich distanziert habe, wo meine Prioritäten heute liegen, was ich an normalen Tagen dafür mache um diese Prioritäten zu erfüllen und wie oft ich mir Zeit genommen habe um zu Reflektieren.

 

Mir wurde die Angespanntheit meiner aktuellen Lebenslage bewusst und wie lange es her ist, dass ich mal richtig runtergefahren bin. Alles musste schnell gehen die letzten Monate und ich hab meine Weiterbildung, welche mir sehr am Herzen liegt, etwas vernachlässigt, viele Bücher angefangen, doch kaum welche zu Ende gelesen, viele Menschen kennengelernt, doch nur an wenige (bis gar keinen) emotional gebunden, weil die Zeit zu knapp bemessen wurde und es meist oberflächlich blieb.

der Knöchelbruch bedeutete Zeit für Veränderung

Die zwei Wochen „im Bett“ habe ich zur Weiterbildung genutzt. Viele Bücher ausgelesen, Ted Talks zu Ende gesehen, Dokumentationen angefangen und meine Newsletter Leseliste endlich geleert.

Die weitere Zeit hab ich aktiv versucht mit Menschen von früher in Kontakt zu treten. Freunde, Familie, Bekannte, welche mir eigentlich am Herzen lagen, aber ich nie dazu gekommen bin mich mit ihnen zu treffen oder sie anzurufen.

Step by step fing ich an, den Gips zu lieben. Ich war gezwungen achtsamer durch die Stadt zu spazieren, längere Gesprächen zu führen und mehr Ruhe einkehren zu lassen. Ich habe aber auch die Zeit gehabt neuen Personen Eintritt in mein Leben zu gewähren. Das war sonst aufgrund meines Zeitdrucks nur bedingt möglich.

Doch das aller- allerschönste war, dass ich durch das Zusammentreffen mit einem Jugendfreund eine totale Kehrtwende meiner Vergangenheit erleben konnte. Durch ein offenes, klares und ehrliches Gespräch begann ich all meine Puzzleteile neu zu ordnen. Das, was vorher nie der Fall war. Ich war immer so überzeugt von meiner Perspektive der Realität, gerade mit dem Bezug auf die letzten Jahre, sodass ich das andere Ende des Tunnels nicht bzw. kaum in Betracht zog.

Diese Begegnung öffnete mir die Augen. Ich war überglücklich, dass ich mit Gips am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit der richtigen Person stand. Es ergab alles einen Sinn, auch wenn erst etwas später.

Durch dieses eine Gespräch, der Reflexion über das vergangene Jahr  und der Einsicht eines Sinns hinter alledem, begann ich mir neue Ziele zu setzen. Keine durchschnittlichen, sondern gigantische.  Für meine Verhältnisse zumindest. Ich schrieb sie auf und brach sie herunter, um zu meiner aktuellen Ausgangsposition zu gelangen. Wie das funktioniert? Steht im Beitrag zu Zeitmanagement und kann noch immer nachgelesen werden – feel free.

Obwohl ich mir den Knöchelbruch bei der Vorbereitung auf das Spartan Race in Oberndorf zugezogen habe, beschloss ich, dass mein nächstes Ziel ein Triathlon (olympische Distanz) im Frühjahr 2019 sein soll. Auch für 2020 steht bereits ein utopisches Vorhaben auf meinem Plan, aber ich schaffe das, wenn ich es will.

Auf dem Weg zurück zu meiner alten Kraft und der Triathlon Transformation werde ich von Evo Fitness in Wien, meinem Fitnessstudio, unterstützt. Mit ihnen werde ich mich nicht nur darauf vorbereiten den Triathlon nach meinem Knöchelbruch  „einfach zu schaffen“, sondern mit einer guten Leistung abzuschließen, wenn schon, dann aber richtig. Wenn mir nun jemand sagt: „Na wärst du halt nicht vom Seil abgesprungen.“

Dann wird meine Antwort immer sein: „Ich würd’s wieder tun.“

Mit Anlauf hab ich schon begonnen, mit einem Sprint werd ich’s beenden. Wenn sich jemand meinem Weg anschließen möchte, dann freu ich mich natürlich zusammen auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast und bis bald,

Alissa S.

 

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