Mein Weg zur Selbstliebe

Ich hätte mich betrinken sollen, um diesen Beitrag zu schreiben. Zu spät. Da muss ich nun durch.

Folgende Frage hat mich erreicht:

Wann hast du begonnen Selbstliebe zu praktizieren bzw. deine Einstellung geändert?

Die Frage die sich mir dann stellt ist, was versteht man unter Selbstliebe? Auf welche Art von Selbstliebe bezieht sich die/der Fragende?

Es ist wahrlich keine einfache Angelegenheit. Vergleicht man, wieviele Millionäre es gibt und wieviele Menschen sich tatsächlich lieben, dann ist es schätzungsweise einfacher das große Geld zu machen, als Selbstempathie zu lernen oder den Schritt dahin zu wagen. Doch warum?

Weil es nicht über Nacht passiert. Nie. Weil es nicht konstant bleibt. Nie. Weil es ein ewiger Lernprozess bleibt.

Ich bin nicht an Tag X aufgewacht und entschied: So und ab heute liebe ich mich selbst. Diese Tage gab es, aber auf diese Weise funktionierte es nicht. Wieso? Wir Menschen erleben tagtägliche Veränderungen bis an das Ende unseres Lebens und genauso verhält sich auch die Selbstliebe. Sie verändert, entwickelt und breitet sich aus. Jeden Tag, bis an unser Lebensende.

 

 

Als Kind waren zuhause keine Unterhaltungen auf Augenhöhe möglich, noch habe ich mich wie ein gleichwertiges Lebewesen gefühlt. In mir war immer dieses Gefühl der Wertlosigkeit. Meine Meinung und Empfindungen wurden so oft untergraben und als lächerlich in den Raum gestellt, dass sich mein ganzes Selbstvertrauen verabschiedet hatte. Ich habe mich für soviel verantwortlich gefühlt, was doch aber nichts mit mir zu tun hatte. Für die Trennung meiner Eltern und den davon bleibenden Schäden in der Familie. Dafür, dass meine Schwester so oft zurückstecken musste, als ich noch klein war. Für die schlechten Noten, welche ich nach Hause gebracht habe, als ich in der Schule gemobbt wurde. Jedes Erlebnis, jede Vergangenheit, jedes Unheil, welches mir jemand erzählt hat, habe ich auf meine Schultern genommen.

Dazu kam der Rauswurf von zuhause als ich 18 wurde, die Kontaktsperre meiner Familie, die abgebrochene Maturaklasse und selbst als ich im Krankenhaus saß, einen Nervenzusammenbruch erlitt und mich selbst aufgegeben habe, war das einzige woran ich dachte: Wie geht es wohl den anderen.

Ein derart selbstzerstörerisches Verhalten hat mich die Oberfläche einer nicht aufhörenden Tiefe kosten lassen. Es schmeckte bitter.

 

 

Denn bevor es gut wird, muss es erst mal schlechter werden.

Mit der Trennung von meinem Ex fing die Reise der Selbstliebe dann definitiv an. Denn bevor es gut wird, muss es erst mal schlechter werden. Ich zog nach Salzburg. Kaufte mir die ersten Bücher von Jon Kabat-Zinn (welche ich übrigens erst zwei Jahre später gelesen hab), ging ein halbes Jahr lang jeden Tag feiern, machte dreimal in diesen sechs Monaten „Sport“ und dachte ich sei nun glücklich. Dem war aber nicht so. Innerlich war mir alles gleichgültig. Der Job, meine Freunde, wo ich wohne, wovon ich leben, ob ich lebe, meine Familie, jeder Mensch, jedes Tier. Es war mir alles wurscht. Nur nicht die Umwelt.

 

 

Als ich in die Schweiz gezogen bin, wusste ich schon während der 10-stündigen Fahrt dahin, dass nun ein neuer Abschnitt beginnt. Ich war dort alleine, ich kannte niemanden und ich würde auch nicht hinfahren um jemanden kennenzulernen. Ich tat’s, um mich kennenzulernen.

Die ersten 30 Tage waren ein Monat der Reflektion. Da ich noch neu war, niemanden kannte, weder Internet noch sonst etwas hatte, blieben mir nur meine drei mitgebrachten Bücher. Die waren sehr schnell ausgelesen. Also doch nur ich und meine Gedanken. Ich begann wieder damit alles aufzuschreiben, es durchzulesen und nochmal darüber nachzudenken. Lösungen zu finden. Das ist vielleicht nicht für jeden Menschen wichtig, um den Weg zu Selbstliebe zu finden, aber in meiner Position war es unabdingbar, um die Vergangenheit zu verarbeiten.

Im zweiten Monat begann ich wieder zu trainieren (und von da an, gab es keine Pause mehr). Damals habe ich noch nicht meditiert, doch rückblickend, war der Sport sehr meditativ. Ich habe mir selbst vorgenommen, bis an meine Grenzen zu gehen und wenn ich diese erreicht hab, daran zu denken, welchen Schmerz ich bis dahin schon erlebt hab und dieser hier nichts im Vergleich dazu ist.

Parallel dazu sah ich halt einfach nicht mehr aus, wie es mal der Fall war. In Salzburg hab ich zugenommen, meine Brüste wurden größer und hingen noch mehr und mein Gesicht war aufgequollen. Fluch und Segen zugleich, war mir alles gleichgültig, somit auch all das. Es ärgerte mich nur, dass viele Klamotten von früher nicht mehr passten, ich beim Einkaufen nie wusste, welche Größe ich nun habe und sogar Freunde mit ihren Freunden über meine Brüste tuschelten. Kommentare wie „Stierhoden“ unter einem Sideboob Foto oder ein Screenshot von mir in einem Bikini auf dem Handy meines damals besten Freundes und einem Whatsapp Chat, welcher dazu diente über jenes Foto zu lästern, habe ich zwar als unmoralisch empfunden, aber es hat mir nicht so weh getan, wie man annehmen würde. Mir war, wie bereits erwähnt, so ziemlich alles gleichgültig, dieser Freund war es danach noch mehr als vorher.

Auch das änderte sich in Zermatt. Der tägliche Sport, war wie ein täglicher Kampf. Jeden Tag hinschleppen und mich gegen die tiefvergrabenen Muster wehren, etwas anders machen. Die ersten Veränderungen konnte ich letzten Endes psychisch bemerken. Ich war sehr viel ruhiger als sonst, ich war im Alltag nicht mehr so hart zu mir selbst, wie es zuvor der Fall war, ich lernte, dass jeder Moment, jeder Gedanke, jeder Tag ein Ende hat und alles vergänglich ist.

 

 

Doch die größte aller Erkenntnisse war, dass alles was ich besitze, meine Beweglichkeit, die Kreativität, die Sensibilität, aber auch die Geschichte welche ich mit mir trage, die Familie, aus welcher ich komme und der Körper, den ich besitze, das alles ist Zufall. Ich konnte es genauso wenig beeinflussen, wie andere. Das macht mich nicht besser, noch schlechter, es ist einfach Zufall. Es gibt nur eine Sache, welche in meiner Hand liegt und zwar wohin ich will und wieviel ich dafür geben möchte. Das war der Schlüsselgedanke für alles, was ich seither gedacht, gemacht und gelassen habe.

Mein Körper oder dessen Aussehen bestimmt nicht wohin ich gehe, sondern nur woher ich gekommen bin. Wohin ich gehe, liegt in meiner Hand.

 

Heute mache ich noch immer sehr viel Sport, mittlerweile muss ich nicht mehr an meine psychischen Grenzen gelangen um mich körperlich auszupowern. Alles was ich mache, mache ich um mich dafür zu bedanken, dass der Körper, in welchem ich wohne, gesund bleibt. Es ist mein zuhause und wer behandelt sein zuhause nicht gut? Messies. Doch auch diese Menschen haben etwas zu verarbeiten. Ich möchte kein Messie sein. Ich will mir in meinen letzten Jahren mein Buch noch selbst aus dem Bücherregal holen, alleine auf die Toilette gehen und meine arbeitsfreien Jahre mit Spaziergängen im Park verbringen. Deshalb bin ich gut zu mir.

Mein Körper ist mein Zuhause, meine Persönlichkeit der Strom dazu. Für beides bin ich dankbar. Jeden Tag wachse ich und mit jeder Minute versuche ich mich selbst ein Stück mehr zu akzeptieren. Mein Weg zur Selbstliebe ist noch nicht vorbei, aber das wird er nie sein.

 

Danke, dass du dir Zeit genommen hast und bis bald,

Alissa S.

 

Wie ich mich persönlich weiterbilde und auf welche Weise mich meine Lebenserfahrungen in dieser Hinsicht geprägt haben, kannst du nach wie vor in TrueThat #2 nachlesen: Selfmade – Lebenslanges Lernen

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